Fotografie Blog

von Frank Tegtmeyer, Henstedt-Ulzburg

Design-Elemente: Balance

In diesem Beitrag geht es um die visuelle Balance in Bildern. Der Artikel ist Teil einer Serie, die Bildkomposition unter Nutzung der Dynamischen Symmetrie, der Gestalttheorie und anderer gestalterischer Mittel behandelt.

Was ist Balance in einem Bild?

Die Balance eines Bildes ergibt sich aus der visuellen Masse der Bildelemente. Die visuelle Masse eines Bild-Elements ist dabei die Macht, mit der dieses Bildelement den Blick des Betrachters anzieht.

Im GAC-Artikel habe ich schon den tonalen Kontrast und die Bevorzugung heller Bildbereiche behandelt. Es gibt aber noch jede Menge andere Eigenschaften von Bildelementen die helfen, den Blick des Betrachters anzuziehen. Zu nennen wären hier Farben und Farb-Kontraste oder auch herausstechende Texturen, Aufbrechungen von Mustern und blickführende Bildelemente. Unsere visuelle Wahrnehmung ist durch die Evolution darauf trainiert, Besonderheiten wahrzunehmen und auch das Verhalten anderer Individuen dabei einzubeziehen.

Balance in Fotos, Beispiel Muscheln

Wer noch die Geschichten um Alfons Zitterbacke kennt, kann sich vielleicht an seine Episode mit dem Nasenbluten erinnern. Dort bekam er Ärger, weil er in die Luft starrte (um sein Nasenbluten zu stoppen) und die neugierigen Leute um ihn herum das gleiche taten und so einen Menschenauflauf verursachten. Hier handelt es sich um die Wirkung der Blickrichtung einer anderen Person, die unsere eigene Wahrnehmung beeinflußt. Diese Personen müssen nicht echt sein - sie können auch im Bild abgebildet sein.

Balance in Fotos, Beispiel Nina & Dobri

Das Wissen um die Wirkungsweisen der visuellen Wahrnehmung kann eingesetzt werden, um die Wirkung eines Bildes beim Betrachter gezielt zu steuern. Die Gesamtheit der dazu zur Verfügung stehenden Mittel bildet eine visuelle Sprache und eines der Elemente dieser Sprache ist die Balance eines Bildes.

Die Balance bezüglich der visuellen Masse der Bildelemente heißt, dass schwergewichtige Bildelemente auf der einen Bildseite durch ein ebenso schwergewichtiges Element (oder mehrere/größere leichte) auf der anderen Bildseite ausgeglichen sind. Das Sinnbild am Anfang des Artikels zeigt das symbolisch: die schwere Kugel auf der linken Seite wird durch das leichtere Objekt auf der rechten Seite ausgeglichen - das aber über einen längeren Hebelweg, der die geringere Masse des rechten Objekts wettmacht.
Diese simple Analogie ist nur dazu geeignet, die grundsätzliche Wirkungsweise darzustellen. In einem Bild sind oft mehrere Elemente enthalten, die den Blick auf sich ziehen - dadurch wird es schwierig, die Balance des Bildes exakt zu beurteilen - oft fühlt man es mehr. Wenn man Balance bewußt einsetzt, sollte man aber versuchen, sich durch eine Bild-Analyse über die Gründe des gefühlten Eindrucks klar zu werden.

Im oben gezeigten Bild geht der Blick zunächst auf den Mann, da hier der Bereich des größten Kontrasts liegt und auch durch die belegte Bildfläche eine große visuelle Masse erzeugt wird. Sein Blick geht zur Frau, was die Aufmerksamkeit auf sie lenkt. Die Balance wird erreicht, indem sie etwas weiter von der Mitte entfernt wird als er. Die visuelle Masse der Frau wird zudem durch den direkten Blick-Kontakt und den auf sie gerichteten Blick des Mannes erhöht.

Balance in Fotos, Analyse Nina & Dobri

Warum Balance? Wen interessiert das?

Ein Bild - sei es nun ein Foto oder auch eine Zeichnung oder ein Gemälde - wird normalerweise dazu erzeugt, um betrachtet zu werden. Ausnahmen gibt es hier natürlich - etwa reine Dokumentationsfotografie für Analyse- oder Beweis-Zwecke wie zum Beispiel Tatort-Fotos in der Kriminalistik, Fotos von Zahnschäden beim Zahnarzt, Aufnahmen von KfZ-Schäden durch Sachverständige etc.

In der Regel will also derjenige, der das Bild produziert erreichen, dass der Betrachter den Blick im Bild läßt um zum Beispiel ein Gefühl zu vermitteln, eine Botschaft zu senden, eine Aussage zu machen oder auch einfach dem Betrachter etwas zu zeigen, was er sonst nicht so sehen würde. Gerade in der heutigen Zeit der Reiz-Überflutung und des massenhaften Bild-Konsums in den Massenmedien und in sozialen Netzwerken ist es schwierig, das zu schaffen. Der bewußte Einsatz der Balance - oder auch des Gegenteils - kann dabei helfen, das Interesse des Betrachters auf das Bild zu lenken, das Interesse aufrecht zu erhalten und eventuell auch das Anliegen des Bildes klarer zu vermitteln.

Ein weiterer Punkt ist, dass unsere Sehgewohnheiten Balance erwarten - Balance wird als angenehm empfunden, ein Ungleichgewicht hingegen als unangenehm oder störend. Ungleichgewicht läßt sich natürlich ebenso bewußt einsetzen wie Disharmonien in der Musik - wenn man beim Betrachter so einen Effekt erreichen will. Doch Vorsicht - solche Mittel sind nur dosiert einsetzbar. Übertreibt man es, kann sich zum Beispiel das wahrgenommene Subjekt des Bildes ändern - der Betrachter schaut sich dann evtl. nicht mehr das an, was ich ihm eigentlich zeigen will sondern ein anderes Bildelement. Oder er wendet sich gleich von meinen Bildern ab.
Ungleichgewicht wirkt über zwei Mechanismen:

  • Wie oben schon erwähnt versucht das menschliche Wahrnehmungsvermögen (Auge/Gehirn) Balance zu finden. Ist diese nicht vorhanden, versucht es diese selbständig herzustellen, indem die Bildstellen gemustert werden, an denen sich das Gegengewicht zu einer visuellen Masse befinden könnte. Dies kann man einsetzen um “leichtgewichtigen” Bildelementen an diesen Stellen mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
  • Menschen tendieren dazu, den Sinn in Dingen zu finden. Hat also ein Bild ein deutliches Ungleichgewicht, erhöht sich die Bereitschaft dem Bild Aufmerksamkeit zu schenken - einfach um den Grund für dieses Ungleichgewicht zu erkunden. Wird diese Erwartung enttäuscht, kann der Einsatz dieses Mittels in Ablehnung des Bildes umschlagen.

Zusammengefasst: Will ich erreichen dass sich jemand längere Zeit mein Werk ansieht, habe ich mit einem Bild das visuelle Balance aufweist bessere Chancen. Andererseits bietet eine bewußte Verletzung der Balance die Möglichkeit, gewünschte Effekte wie zum Beispiel eine höhere Anfangs-Aufmerksamkeit zu erzielen.

Welche Arten von Balance gibt es?

Zunächst möchte ich feststellen, dass sich die Balance nicht nur auf die vertikale Bildmitte bezieht - also nicht nur ein Gleichgewicht zwischen Rechts und Links darstellt. Die Balance bezieht sich auf die Bildmitte, sowohl vertikal wie horizontal.

Hier kommt aber eine Besonderheit: Vertikale Balance (also zwischen oben und unten) ist in der Regel nicht unbedingt gewünscht. Die Menschen sind an die Schwerkraft gewöhnt, ein Bild das vertikal ausbalanciert ist, wird als kopflastig empfunden. Zumindestens bei der Abbildung natürlicher Gegebenheiten (Landschaftsfotografie etc.) ist das in der Regel so. Der Schwerpunkt des Bildes sollte also etwas unterhalb der Mitte liegen.

Die meisten Betrachter reagieren aber vorrangig auf die horizontale Balance, also die Balance zwischen linker und rechter Bildhälfte. Die Beispiele im weiteren beziehen sich dann auch nur darauf.

Balance in Fotos, symmetrische Balance, Chile-Haus in Hamburg

In der Fachliteratur wird primär zwischen zwei Arten von Balance unterschieden:

  • Symmetrische Balance (auch “formale” Balance genannt)
    Wie der Name schon sagt, ist hier das Bild bezüglich der visuellen Massen symmetrisch. Ein Bildelement wird durch ein ähnliches oder gleiches (mit der gleichen visuellen Masse) auf der anderen Bildseite “aufgewogen” - im gleichen Abstand zur Mitte. Oben sehen Sie ein Beispiel, das Chile-Haus in Hamburg.
    Diese Art der Balance ist schnell ermüdend, weshalb sie nur selten eingesetzt werden sollte. Und es gibt noch ein Problem damit, das man im obigen Bild auch erkennen kann: wenn man bei der Aufnahme nicht exakt die Mitte erwischt, sieht das Bild nicht richtig symmetrisch aus und die Balance ist auch nicht vollständig gegeben. Die kleinsten Abweichungen lassen sich vom Betrachter leicht erkennen und das Bild wirkt irgendwie “schief”.

  • Asymmetrische Balance (auch informelle Balance genannt)
    Aus dem Blickwinkel der Bildgestaltung ist das die wesentlich interessantere Form der Balance. Sie ist allerdings auch schwieriger zu beherrschen.
    Hier kommt der Ausgleich zum Tragen, der oben im Beispielbild schon erwähnt wurde: leichtgewichtige Elemente werden weiter von der Mitte entfernt, wenn sie schwergewichtige Bildelemente ausgleichen sollen.

Hier noch einmal der Hinweis darauf, dass die Analogie aus der Mechanik nur für die simpelsten Fälle taugt. Die meisten Bilder sind komplexer und dann ist es schwer, die Balance wirklich zu analysieren. Man kann aber intuitiv spüren, ob ein Bild in Balance ist. Dieses Gefühl kann von Mensch zu Mensch verschieden sein - wundern Sie sich nicht, wenn Sie ein Bild als ausbalanciert empfinden und jemand anderes nicht.
Wenn Sie bewußt die Balance Ihres Bildes beeinflussen wollen sollten Sie auf jeden Fall versuchen, Ihr Gefühl bezüglich der Balance rational zu begründen - am besten durch eine möglichst genaue Analyse.

Kommen wir zu den verschiedenen Domänen der Balance - jede kann für sich betrachtet werden aber in der Gesamtwirkung des Bildes wirken alle zusammen.

Tonale Balance

Die tonale Balance betrachtet die Hell- und Dunkelwerte eines Bildes. In einem monochromen oder auch in einem Schwarz-Weiß-Bild ist dies offensichtlich - in einem Farb-Bild eventuell schwierig zu beurteilen. Hier empfiehlt sich für eine Beurteilung eine Umwandlung in eine Schwarz-Weiß-Version.

Balance in Fotos, asymmetrische Balance, Königreich Romkerhall

Interessant ist, dass ein dunkles Bildobjekt nicht durch ein dunkles Bildobjekt ausgeglichen werden muss. In meinem obigen Bild vom Königreich Romkerhall im Harz ist das helle Haus auf der linken Seite ausgeglichen durch den dunklen Fußweg und den Baum auf der rechten Seite.
Wichtig: dunkle Bildelemente erscheinen bezüglich der tonalen Balance schwergewichtiger als helle - und das obwohl helle Bildbereiche zuerst den Blick auf sich ziehen.

Farb-Balance

Farbe hat einen starken Einfluß auf die menschliche Wahrnehmung. In der Entwicklung des Menschen ist sie ein Indikator für Gefahr oder aber auch für besonders interessante Nahrung.

In der bildlichen Darstellung ist Farbe ein gutes Gestaltungsmittel um die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte Bildelemente zu lenken. Im folgenden Bild ist das Schloss das zentrale Objekt des Bildes, das durch die orange Lichtfarbe stark vom Rest des Bildes abgehoben ist.

Balance in Fotos, Farbbalance, Schloß Wernigerode

Die große visuelle Masse des Schlosses wird durch zwei Gegenpole ausbalanciert - zum einen die verteilten Lichter der Stadt, die für sich genommen aber als Gegenpol nicht ausreichen.
Die dunkelgrüne/dunkelblaue Masse der Berge und die heranziehende dunkelblaue Regenfront über den Bergen bilden gemeinsam das zusätzliche Gegengewicht zum Schloss.

Ebenso wie bei der tonalen Balance ist es bei der Farbbalance nicht so, dass Objekte einer Farbe mit Objekten einer gleichen Farbe ausbalanciert werden müssen. Auch Komplementärfarben oder auch gänzlich andere Farben sind dafür geeignet.

In einem Schwarz-Weiß-Bild oder einer monochromen Darstellung ist die Farb-Balance nicht vorhanden.

Konzeptuelle Balance

Diese Art der Balance ist nicht auf der visuellen Ebene angesiedelt, sondern wie der Name schon sagt, auf der konzeptuellen. Dabei handelt es sich um die Gegenüberstellung zweier verschiedener Konzepte oder auch Begriffe - also zum Beispiel

  • alt und jung
  • hell und dunkel
  • künstlich und natürlich
  • gut und böse
  • usw.

Hier ein Beispiel zu Groß und Klein - entstanden als ein kleiner Spass im Urlaub:

Balance in Fotos, Konzeptuelle Balance, Groß und Klein

Das offensichtliche Ungleichgewicht zwischen Kaktus und Person wird durch die Palme am Bildrand gemildert.

Visuelle Masse

Am Anfang des Artikels habe ich die visuelle Masse definiert als die Macht, mit der der Blick des Betrachters auf das Bildelement gezogen wird.

Hier eine kurze Auflistung (nicht unbedingt vollständig), was den Blick auf sich zieht:

  • Dinge von Interesse oder Wichtigkeit
    Das klingt erst mal sehr allgemein ist aber ein wichtiger Faktor. Zu nennen wären hier Gesichter oder auch spezieller die Augen und der Mund. Auch Schrift oder Zeichen ziehen den Blick an. All diese Objekte versprechen Information - etwas worauf der Mensch immer aus ist.
    Zusätzlich zu den “informativen” Dingen sind alle Dinge hinzuzufügen, die die Gefühle ansprechen - niedliche Babys oder kleine Tiere, alles was Empathie hervorruft und nicht zu vergessen und wichtig - auch erotische Signale.
  • Auf der rein optischen Ebene - wie schon im GAC-Artikel erwähnt der tonale Kontrast. Auch Farbflächen und Farbkontraste sorgen für visuelle Masse.
  • eine gute Figur-Grund-Beziehung
  • Unterbrechungen in Rhythmus oder Textur
  • eine “gute Gestalt” im Sinne der Gestalt-Theorie
    Gut erkennbare Objekte (ohne visuelle Unklarheiten) werden immer den unklaren oder verschwommenen Bildelementen vorgezogen - ganz praktisch ziehen auch schärfere Bildelemente eher den Blick an als unscharfe.
    Auch alle leicht erkennbaren geometrischen Objekte haben automatisch eine “gute Gestalt”, zum Beispiel Dreiecke, Kreise oder auch Ellipsen.
  • Perspektivische Endpunkte (End- oder Kreuzungspunkte von Linien)

Negativer Raum

Zum Abschluß noch einige Worte zum Konzept des negativen Raums da auch dieser als “Gewicht” bezüglich der Balance eingesetzt werden kann. Zu sehen war das schon im Bild vom Schloß Wernigerode.

Negativer Raum in einem Bild ist die gesamte Bildfläche, die kein Subjekt des Bildes darstellt.

Hier ein Beispiel:

Balance in Fotos, Negativer Raum, The Others

Das Bild besteht fast nur aus negativem Raum - Subjekt des Bildes sind die Personen am Horizont. Der Weg hat zwar eine wichtige Funktion im Bild, ist aber trotzdem negativer Raum. Auch die Wolken sind nicht das Subjekt des Bildes - also auch sie bilden negativen Raum.

Es gibt einen Rat, der Fotografen oft gegeben wird - “Fill the frame”, also fülle Dein Bild aus! Gemeint ist, negativen Raum im Bild zu minimieren, um die Bildwirkung zu erhöhen. Wie jeder gute Rat ist der oft richtig, aber nicht immer.

Negativer Raum kann hervorragend benutzt werden um Einsamkeit darzustellen oder auch Winzigkeit in einer überwältigenden Umgebung.

Und wenn man den negativen Raum bewußt auf diese Art einsetzt, kann er selbstverständlich auch als Element in der visuellen Balance eingesetzt werden.


Teilen